Semena – Sa Semena. Hallo – auch Hallo.
Zurück in der Mongolei, einem Sehnsuchtsort. Einsamkeit, Stille und für fünf Wochen unterwegs im Kasten Brot und im Zelt. Ein echt anderes Leben. Klein mit Hut in der (fast) unendlichen Weite.
Mit dem UAZ, dem russischen Kleinbus, 6000 km von Ulaanbaatar weit in den Westen, ins Grenzgebiet zwischen Russland, Kasachstan und China.
Ins mongolische Altai Gebirge und am Rande des Gobi Altais zurück. Seit über einem Jahr geplant, nun folgt die Umsetzung eines meiner Herzenswünsche. Mit dem Auto? Ja. Mit dem UAZ, dem russischen Kleinbus einer älteren Machart. Oft genannt „Kasten Brot“. So sieht er ja auch aus. Wie ein Kastenbrot. Denn nur den können die Fahrer, die gleichzeitig Automechaniker sind, unterwegs reparieren. Ich möchte nicht nach Ulgii, (auch Ölgii) der Hauptstadt des Bajan-Ölgii-Aimag fliegen und von dort aus starten. Ich möchte das Land schon vor meinem Endziel erkunden und neue Wege gemeinsam mit meinem Fahrer Gonzo und meinem Wander- und Kochguide Onon beschreiten. Viele Gegenden Richtung Westen sind auch für Onon neu, obwohl er seit acht Jahren für Undral und die Woodpecker's Inn & Tours aktiv unterwegs ist.
Onon, heute 29 Jahre alt, wird heute lieber Jason gerufen.
Er wurde als 2-jähriger ohne Mutter am Fluss gefunden.
Und da seine später ausfindig gemachte Mutter den Knaben nicht wollte, kam Onon in ein von Amerikanern geführtes Waisenhaus
und lebte später auch in Amerika.
Als 16-Jähriger entschied er sich zurück in die Mongolei zu kommen, mongolisch zu lernen, um sich ein eigenes Leben aufzubauen.
Heute besitzt er ein Stück Land, sechs Pferde und ist ein guter Reiter. Sportlich super fit im Wandern und Snowboardfahren, er spielt Piano und etwas Gitarre, hat eine wundervolle Stimme und möchte Sänger werden. Im Winter haben viele Männer keine Arbeit.
Jason unterrichtet Kinder in Englisch in Ulaanbaatar.
Gonzo, heute 38 Jahre alt, ist ein leidenschaftlicher Autofahrer. Den UAZ, diesen sowjetischen Kleinbus fährt er nun schon seit 20 Jahren. Und am liebsten immer offroad. Immer raus in der Natur. Nur in der Stadt fährt er einen PKW. Der UAZ ist schwer zu lenken. Auch Gonzo hat im Winter keine Arbeit als Fahrer. Die Winter in der Mongolei sind sehr kalt und schneereich. Er geht mit anderen Männern in die Pinienwälder um Pinienkerne zu sammeln, die die Chinesen gerne kaufen.
Änderungen, Änderungen.
So ist das, alleine, also ohne Gruppe doch mit Fahrer und Guide unterwegs zu sein. 1. Kommt es anders, 2. als man denkt.
Auf jeden Fall bin ich am 14. Juli 2024 sehr gut in Ulaanbaathar angekommen und wurde auf das Herzlichste empfangen. Undral holte mich ab. Auf dem Weg zu ihrem Haus besprach sie mit mir die Veränderungen meiner Reise. Mein Fahrer, ihr Partner Gonzo, und mein Trekking Guide, Onon, wären noch unterwegs zusammen mit einer Jugendgruppe aus den USA. Und wir, wir mussten erst einmal mein Visum für die restlichen fünf Tage online beantragen.
30 Tage sind immer frei. Nun ja, ich wollte ja 35 Tage bleiben.
Undrals Schwester war noch im Haus, ebenso ihr Schwiegervater Gombosuren. Ein alter Herr von 63 Jahren, der mir seit meiner Ankunft immer wieder tief in die Augen schaut. „Are you married? How old are you?“. Nach meiner ehrlichen Antwort „Nein. 69 Jahre“ folgte stehenden Fußes die Frage „Do you will marry me?“ Ich lächelte, jedoch mit hochgezogenen Augenbrauen. „Naja“, folgt auf meine Nichtantwort „wenn ich nicht schon eine Frau hätte, dann würde ich dich heiraten“. Na, das kann ja lustig werden auf unserer Reise!
Der russische Kleinbus ist gepackt, wir starten am 15. Juli 2024.
Undral, ihr Schwiegervater Gombosuren unser Fahrer und ich. Wir sind on tour zum Sommercamp der Familie um Battsetseglen (die 4-Jährige Tochter Undrals) abzuholen. Jeden Sommer in der Ferienzeit trifft sich die große Familie mit allen Onkeln, Tanten, Kindern und Enkelkinder in einem Summer-Ger-Camp. Was für ein „Semena – Sa Semena. Hallo, Hallo“. Und wie immer, der Tisch biegt sich unter den Schüsseln und Platten mit Essen. Nach dem Essen sollst du ruh'n oder 1000 Schritte tun. Wir entscheiden uns für einen Spaziergang: den Hang hoch zu den weißen Stuten. Die weißen Stuten sollen die beste Milch geben. Ich gehe zusammen mit Undrals Mutter. Sie spricht sehr gut deutsch und freut sich, diese Sprache mal wieder sprechen zu können. Sie, ihre Schwester und Undral haben vor vielen Jahren in Deutschland studiert. Sie erzählte mir, dass sie Deutschland bei ihrem Ankommen als Wunderland empfand. Und später auch Nachteile, wie zum Beispiel alleine zu sein. In der Mongolei ist die Familie super wichtig. Und dass sich, auch außerhalb der Familie, zu helfen. Das durfte ich kennenlernen. Egal wo auch immer. Und genau das ist besonders wichtig in diesem Land, weit weg von der Hauptstadt. Und im Altai, wo eine Person auf einen Quadratkilometer kommt erst recht. So haben sich die Frauen entschieden wieder nach Hause zurückzugehen und sich hier, mit dem Wissen, welches sie erworben hatten, aufzubauen.
Das Töchterchen wird eingesackt, unsere Fahrt geht weiter durch ein wunderschönes Tal, meistens an einem Flüsschen entlang. Zeit für einen Lagerplatz! Ich mache noch einen Abendspaziergang hoch auf einen Berg mit einer wundervollen Aussicht auf weitere grüne Täler. Beim Zurückkommen brennt schon das Lagerfeuer, es gibt Wodka zum Abendessen und es ist meine erste Nacht im Zelt
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im Nirgendwo.
16. Juli
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Spannende Fahrt! Weites Tal mit vielen Tieren, Wasser, einem See in dem wir uns die Füße kühlen, auf der Hauptstraße in ein kleines Örtchen mit einem Duschhaus! Das warme Wasser auf unserer verschwitzten Haut tut uns gut. Wir erreichen
die Ruinen Khar Bukh Balgas. Hier sollen Menschen des Volkes Kitan gelebt haben, deren Geschichte bis in das 4. Jahrhundert zurückreicht und die große Teile Nordchinas, der Mandschurei und der mongolischen Hochebene bevölkert haben. Eine alte Mongolin betreut ein kleines Museum. Ein altes, verblasstes Plakat an der Wand findet meine Aufmerksamkeit.
Darauf sind Felsmalereien abgebildet. Dort möchte ich hin! Undral macht´s möglich. Sie spricht mit der Museumswärterin, die ihr die Adresse gibt.
Denn genau dort wohnt eine mongolische Familie mit ihren Tieren, die auch ein Ger und einen Bauwagen zum Übernachten vermieten. Los geht’s, über Stock und Stein. Es gibt nur eine Rüttelpiste. Mit vielen, sehr vielen Telefonaten finden wir in einem Seitental diese Familie und sie vermieten uns ein Nachtlager. Die Abenddämmerung ist wunderschön und ich erkenne beim Rundgang drei alte Gräber. In der Mongolei werden alte Gräber nicht geöffnet um sie zu erforschen. Das wäre Störung der Totenruhe. Niemand weiß, wer in den Gräbern liegt. So weiß auch niemand wo Dschingis Khans Ruhestätte ist.
In der Abenddämmerung kommen alle Tiere zu den Gers zurück. Schafe, Ziegen, Rinder. Die Ziegen sind besonders frech. Sie springen selbst die Stufen des Bauwagens hoch, in dem ich schlafen möchte. Schlafen! Nicht möglich. So baue ich mir mitten in der Nacht aus herumliegenden alten Autoreifen eine Barriere. Gute Nacht.
17. Juli – Sommerwetter, auf geht es zum bemalten Felsen, Khangi daa. Oben auf der Spitze steht ein Chörten. Ein buddhistisches Heiligtum mit weißen und blauen Fähnchen, Opfergeschenke wie Steinen, Geldscheinen, Butterlampen und Schälchen für Wasser, Milch oder auch Wodka. Noch haben wir keine Zeichnungen gefunden. Genießen in der Morgensonne den Blick auf die Pferde, die Berge, den Fluss und die Weiden.
Wha! Da sehe ich sie. An der glatten, steilen Seite des Felsens sehen wir Steppentiere und Jagdszenen. Ich bin begeistert!
Am Abend treffen wir auf an der kleinen Gobi-Sandwüste auf Gonzo und Onon mit der amerikanischen Reisegruppe.
18. Juli – Umpacken! Heute geht es für mich weiter mit meinen beiden mongolischen Herren.
Weiter auf den Weg in den Westen. Einkaufen ist noch angesagt. Gonzo ist ein toller Fahrer. Und er hält immer Aussicht nach einem wundervollen Rastplatz ganz für uns alleine. Heute Abend campen wir unter Bäumen an einem klaren Füßlein. Gonzo angelt, Onon und ich bereiten das Gemüse für die Suppe vor, welche auf dem offenem Lagerfeuer köchelt. Fisch rein, fertig, Gemüse, Fisch, Nudelsuppe. Der Wodka durfte natürlich nicht fehlen. Ich habe noch niemals
so viel Wodka getrunken wie in diesen Wochen. Den ersten Wodka meines Lebens trank ich zwei Jahre zuvor in meinem ersten Mongoleiurlaub. OK. Ich hab´s kapiert. Das gehört dazu. Und bedeutet auch, dass mir Respekt entgegengebracht wird. Dadurch dass ich ja vegetarisch esse und bei allen Fleischgerichten immer Nein sagte, habe ich mein Standing mit dem Wodkatrinken wieder wettgemacht. Und da der mongolische Wodka nur einen niedrigen Alkoholprozentsatz hat, ich ihn als Magenmedizin betrachtet habe, gings mir damit prima.
„Bbayar khürgeye“, „Prost“.
Postkartenidylle, Sonnenuntergang, vorbeireitende Jugendliche, Pferde, Lagerfeuer.
19. Juli – Wundervoller Morgen, wir starten. Wir wollen starten. Nur der UAZ nicht. Der springt nicht an. Männermuskelkraft ist angesagt. Mit der langen Kurbel, ähnlich wie anno dazumal beim ersten Ford, wird gekurbelt. Hach! Geschafft, er springt an und unsere Fahrt kann fortgesetzt werden.
Unser Mittagessen nehmen wir am Ufer des Weißen Sees ein, dem Terkhiin Tsagaan Nuur. Die Sonnenstrahlen wärmen uns und die Rücken der im See stehenden Pferde.
20. Juli – Regentag - ohne Aussicht auf die Berge und die wunderschönen Täler. Hunger! Was tun, Camping ist bei diesen Regenmassen nicht möglich. Ich schlage vor im Auto zu essen. Frisches Brot hatten wir gerade gekauft und Gläser mit sauren Gurken und Butter hatten wir auch. So funny!
Wir fahren offroad. Unser Ziel ist der Schwarze See mit den Sanddünen, die bis in das Wasser reichen. Und diese Dünen sind länger als die Sanddünen in der Gobi. Der Char Nuur liegt in der westlichen Mongolei und gehört zu einer Gruppe von Seen, an denen die Zugvögel gerne rasten. Langsam klart es auf und der schwarze See kommt in Sicht. Wau! Was für ein Farbenspiel mit den Sonnenstrahlen auf den Sanddünen und was für Wolkengebilde. Gonzo braucht eine Pause. Die Fahrt war für ihn anstrengend und für uns Mitreisende auch. Die Beiden kabbeln mal wieder. Sie kämpfen und messen voller Spaß ihre Kräfte. Weiter geht’s, wir suchen einen Platz zum Übernachten. Wir erreichen ein Camp. Da Hochsaison ist, ist der Uferrand recht voll mit Feriengers, Autos und Zelten. Das gefällt uns nicht. Das denken sich wohl auch zwei andere PKW´s die die eine hohe Düne hochfahren. Gonzo schüttelt schon den Kopf. Die PKW´s fahren sich im Sand fest und viele helfen ihnen wieder rauskommen. Gonzo findet für uns einen wunderbaren Übernachtungsplatz weit weg vom Camp. Schnell vor dem Sonnenuntergang wandern wir hoch auf den Dünenrand. Es ist überwältigend hier oben auf dem schmalen Grat zu stehen und nur zu schauen, die Bilder in mich auf zu nehmen, den Wind um mich herum zu spüren und zu hören und sonst nichts.
21. Juli – Vor einer Woche bin ich in der Mongolei angekommen. Gestern und heute zwischen den Sanddünen. Ich hatte die beste Nacht ever. Heute bleiben wir hier. Das ist gut, ich will wandern. Auf den höchsten Gipfel hier. Hinter den Sanddünen erheben sich feste Berge (lach). Schutt, Geröll, Weiden, windzerzauste und zerpflückte kleine Bäume. Keine Wege. Einfach darauf los, wo´s oben ist, das gehe ich hin. Zwei Adler begleiten mich kreisend. Ich rufe immer wieder zu ihnen hoch: „Nein. Ich bin kein Futter!“. Wenn ich denke, ich bin gleich oben, geht´s schon wieder den nächsten Hügel steil bergauf. Durch kleine Sträucher, über Blumenwiesen und über viele Steine bis ich es geschafft habe, den höchsten Punkt zu erreichen. Ich klettere auf den Steinhaufen und habe eine tolle Sicht auf den See, die Dünen, die Felsen und die Bergketten. Ich gehe langsam zum nächsten Felsblock und dann nach unten. Einfach gedacht! Es ist zum Teil sehr steil. Früher wäre ich diese Grasmatten runtergelaufen, heute gehe ich im Zickzackmuster: Aua-Knie, Aua-Rücken. Immer wieder bezaubert mich die Farbe des schwarzen Sees mit seinem tiefblauen, türkisfarbenem Wasser und den hellen Sandstränden. Die Ufer sind gesäumt von Sanddünen abwechselnd mit steinigen Hängen und grünen Wiesen. Ein schönes Schauspiel bietet sich mir auch von der Wetterseite her. Sonne, Wind und das Blau des Himmels durchzogen von weißen Wolken.
Hier und da säumen ganze Tiergerippe der unterschiedlichsten Art meinen Weg. Es hat gerade geregnet und doch, es ist mehr als trocken; auch hier zu Beginn der West Mongolei. Hoch brauchte ich drei Stunden auf etwa 2600 m, runter zwei Stunden. Am Ende meiner Tour klettere ich die Sanddünen hoch und stelle fest: die Seite zum Camp runter ist sehr steil. So laufe ich erst einmal den Grat entlang, in der Hoffnung, dass ich eine Stelle zum Runtergehen finde. Nee, is´ nicht! Also rutsche ich auf dem Po herunter. Ist ja bloß Sand.
Das Gewitter.
Na sowas. Da rollt nach der Hitze ein Gewitter heran. Grollend. Der Sand wird heftig durch die Luft gepustet. Schnell lege ich noch Steine auf die Heringe und den Zeltrand. Möchte ja nicht, dass meine Schlafstätte davonfliegt. Regen? Hagel prasselt auf unsere zwei Zelte und den Bus herab, in den ich mich zurückgezogen habe. Und dann? Sonnenschein!
22. Juli
– Neuer Tag, neue Abenteuer. Und die lassen nicht auf sich warten. Wir fahren mit unserem Bus durch die Sanddünen und -pisten wie geschnitten Brot. Nicht so die PKW´s mit mongolischen Touristen.
Einer nach dem anderen versinkt im feinen Sand. Natürlich hilft Gonzo und zieht mit dem Bus einen nach dem anderen heraus und bringt sie sicher an die Stelle, von wo aus sie weiterfahren können. Immer mehr Autos fahren von Ost nach West und von West nach Ost in den losen Sand. Es nimmt, fast, kein Ende.
23. Juli – Die Mückenplage hat begonnen. Sehr warm, schwül, Flüsse, Seen und Gewitter. Eine ideale Kombination. Ich bin sehr erfreut. Gewusst hatte ich darum so habe ich mir Mückenschutzmittel mitgebracht. Ruck Zuck leer! Also auf dem Weg durch die kleinen Dörfer nicht nur Lebensmittel einkaufen und Diesel tanken, sondern auch nach Mückenschutzmittel Ausschau halten. Ohne Spray? Niemals. Die Biester stechen sobald das Mittel verflogen ist.
Diesel tanken wir heute nicht nur in die Wagentanks, sondern auch in Sprit- und die leeren Wasserkanister. Alles wird aufgefüllt, der Weg ist lang. Heute Abend keine Mücken, mal wieder ein Gewitter, so dass ich am Ufer des leicht salzigen Sees Hyrgas im Bus schlafe. Gute Nacht.
24. Juli – Es soll wieder ein heißer Tag werden. So gehe ich gleich in der Früh um 5:45 Uhr in den See. Schwimmen, waschen. Nach meinem Frühstück starte ich meine Wanderung um einen Teil des Sees zum Hitsu Had, dem „Schwierigen Felsen“. Dies ist ein Hot Spot. Und da Urlaubszeit ist ganz besonders. Wir genehmigen uns in der Hitze eine Pause und Gonzo und ich gehen schwimmen. Das Wasser ist herrlich erfrischend.
Den Abend wollen wir auf der anderen Seite des Flusses sein um dort zu nächtigen. Murks, die Brücke ist kaputt. Es gibt jedoch eine Fähre, die mit der Muskelkraft von drei Fährmänner bedient wird. Ein Wagen nach dem anderen wird mit Seilen von Ufer zu Ufer gezogen. Gonzo hilft, er braucht etwas zu tun.
25. Juli – Eine Kamelkarawane zieht beim Frühstück vorüber, die Mücken leider nicht. Die setzen sich gerne wieder auf mich. Meine Haut sieht bei dieser trockenen Hitze eh schon aus wie zerknittertes Butterbrotpapier, nun kommen noch die Mückenbeulen dazu. Doofe Kombi. Einpacken, weg.
Die boys hören gerne Mucke und sehen dabei gerne auch die Videos auf dem Wagenbildschirm. Mir fällt auf, dass auch hier die schlanken hübschen jungen Frauen, genau wie die smarten jungen Männer von der Liebe singen, tanzen, träumen. Und auch hier, oje, der Liebste heiratet eine andere, die Tränen kullern.
Die Landschaft wird immer trockener und brauner. Sand, Gras und harte Büsche prägen das Bild der Altai Gobi. Gegen Mittag halten wir, unsere Mägen brauchen etwas Futter und die Radmuttern etwas Aufmerksamkeit und die beiden Reiter, die zu uns an den Mittagstisch kommen, Tee und Nutellabrote.
Unser Ziel ist heute ein Wasserfall in den Harkhiraa Bergen. Die Landschaft verändert sich heute immer wieder. Von trocken zu grün mit grasenden Tieren bis zu den roten Bergen. Uii. Bei diesen Höhenmetern, die der Bussi zu bewältigen hat reißt ein Kabel von der Kühlung. OK, erledigt. Trotzdem wird es dem UAZ immer wieder bei den steilen Pässen zu heiß. Wir bleiben stehen, Motor auf, Wasser rein, warten, weiterfahren, geschafft. Wir kommen runter in ein wunderschönes Tag mir Gers und Nomaden. Denen schenken wir unsere leeren 10 l Wasserkanister. Die Nomaden nehmen diese gerne für die Milch und den Joghurt.
„Schlafe heute im Bus, es wird wohl regnen“, gut, wenn Gonzo das sagt, Gute Nacht.
26. Juli – Sehr früh starte ich zum Goosuur Khurkhkee Wasserfall im Nieselpieselregen. Egal. Die Regenjacke hält, was sie verspricht. Es wird eine Kletterpartie über die Felsen, die sich gelohnt hat.
Wir sind hier in einer Sackgasse. Fahren also den Weg durch die roten Wege zum Teil zurück. Wir biegen rechts ab und fahren am Fluss Hovd entlang. Schlängeln uns über Pässe und an Bergseen, auf denen Enten und Schwäne schwimmen, entlang durch Kasachisches Gebiet, in dem Kohle abgebaut wird. Und wir die ersten Hirschsteine sehen.
Wir erreichen Ölgii oder Ulgii. Diese Stadt liegt auf 1710 m und ist die Hauptstadt des Bajan-Ölgii-Aimag (Aimag = Verwaltungseinheit) im äußersten Westen der Mongolei und wird hauptsächlich von der Volksgruppe der Kasachen, die dem muslimischen Glauben angehören, bewohnt.
Super, wir übernachten heute in einem Hotel. Haare waschen, duschen, Wäsche waschen. Und Essen in einem mongolischen Restaurant. Extra für mich wird vegetarisch gekocht – lecker.
27. Juli – Heute wird es ein Einkaufstag. Wir brauchen alles für die kommenden 10 Tage. Socken und Reiterstiefel für Onon und einen großen Topf vom Schwarzmarkt, Lebensmittel aller Arten vom Supermarkt. 5 kg Zucker für unsere "Horseman-Familie" und Autoteile. Volltanken aller Behälter und ab geht es in die Natur.
Wir fahren durch ein wundervolles, weites, grünes, fruchtbares Tal. Uralte Grabanlagen mit Hirschsteinen, in denen Mond- und Sonnengesichter eingemeißelt sind, stehen neben kasachischen Friedhöfen. Ich mag alte Kult- und Begräbnisstätten. Da spinnen sich in meinem Geiste Geschichten zusammen über die Reiterkrieger der goldenen Horde, der Burjaten, der Awaren und natürlich auch der mongolischen Kriegerprinzessinnen.
Im ganzen Tal befinden sich die Winterquartiere der kasachischen Nomaden. Immer mit einer Steinmauer umbaut. Die Dächer der Häuser sind wunderbar bunt, so wie in den Dörfern: Rot, Blau, Grün, Türkis. Heute lenkt Gonzo den Bus, als wären wir auf einer Achterbahn. Er benutzt den Fluss häufig als Wasserstraße. Nicht so hier. Der Milchfluss führt sehr viel Wasser, und die Ränder sind sehr sumpfig. Es ist schwierig hindurchzufahren.
Wir wechseln häufig die Seite, es ist wirklich sehr matschig. Das Wasser des Milchflusses ist wirklich weiß, wie der Name sagt. Mit der starken Sonneneinstrahlung und im Kontrast zu den schwarzen Bergen wird der Eindruck noch verstärkt.
Mückenalarm! Wir fahren weg vom Fluss höher zu den Bergen. Dämmerung – noch mehr von den gefräßigen Flügelwesen!
Schnell essen und schnell ins Zelt. Klappe zu, Affe tot.
28. Juli – Im Land der Murmeltiere. Es pfeift rechts, es pfeift links von mir auf meiner Morgenwanderung auf 3000 m Höhe.
Weiter geht es durch das Tal des Milchflusses zu der Ger Ansammlung unseres Zieles im Taban Bogd. Wir wollen zu dem horseman und seiner Familie, bei denen wir unsere Unterkunft gebucht haben. Und mit dem wir auch unsere Reittouren unternehmen wollen. Wo genau ist sein Ger? Keine Straßennamen, keine Hausnummern. Gonzo fährt drauf los. Steil bergauf durch die wilden Zuflüsse vom Milchfluss. Dann geht’s nicht mehr weiter für unseren 4-Rad Angetriebenen. Den Rest klettern wir fast auf allen Vieren hoch zum Ger und werden auf´s Herzlichste begrüßt. Gastfreundschaft ist hier, und überall, wo ich ein Ger betrete ganz groß, klar, hier auch, obwohl wir an der falschen Adresse sind. Unsere Familie wohnt noch ein Stückel weg auf der anderen Seite zweier Zuflüsse. Es stellt sich heraus, dass der alte Mann hier der Vater von der Frau unseres horsemans ist. Egal. Reinkommen, Schuhe aus, essen, trinken, spielen. Ganz traditionell hängt der Khukhuur mit dem Airag neben der Tür. Das ist der große Rindsbeutel, in dem die vergorene Stutenmilch aufbewahrt wird. Auf dem Tisch stehen Schüsseln mit der leckeren Yakcreme, der Yakbutter und selbergebackenen Biskuitstreifen. Der Hausherr spielt Schach auf dem Handy, da ist Gonzo gleich mit dabei. Später messen die Männer wieder ihre Kraft beim Armdrücken. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Wir finden die richtige Adresse. Oh, meine Nase! In einem großen Kessel köchelt Fleisch in einer trüben Brühe. In der Ecke stehen zwei großen Schüsseln gekochter, angedickter Yak Milch, die gelb wird. Daraus wird die wundervoll schmeckende Yak Creme gemacht. Diese steht mit vielen anderen mongolischen Leckereien auf dem Tisch. In der Ecke liegt der schwarze Schafskopf. Den gibt es später als Extraessen. Ich nehme mir von dem frischen Käse, der ist schön weich, von den roten Früchten, die die Nomaden gesammelt und zum Konservieren mit Zucker bestreut haben. Daraus kochen sie Marmelade, die köstlich zu dem Biskuit passt. Wieder essen, es muss sein. Das gebietet die Gastfreundschaft. Auch Onon stöhnt. Er ist so satt. Doch es gibt noch mehr. Das Fleisch ist fertig. Auf einem sehr großen Teller wird die aufgeschnittene Schafsleber und der aufgeschnittene mit Blut gefüllte Darm serviert. Nee, das probiere ich nicht. Hineingegriffen in das Fleischangebot wird mit der Hand. Oder es wird sich mit dem eigenen Messer ein mundgroßes Stück abgeschnitten. So ist das hier Tradition. Die Gastfreundschaft ist groß. Es wird alles angeboten und geteilt. Wenn wir kochen bieten wir auch alles an. Da meine Gastleute Tuvas sind, probieren sie auch unser Essen. Mongolen würden das nicht unbedingt tun.
Die Menschen im Altai
Im Altaigebiet leben viele Nomadenvölker. Die Kasachen haben den größten Anteil und sind Muslime. Die Tuvas oder Tuviner sind eine ethnische Minderheit und leben nach dem Schamanismus. Die Kasachische Bevölkerung und auch die Tuvas sprechen jeweils ihre eigene Sprache. So ist es für meinen Fahrer und auch für meinen Guide sehr schwierig zu kommunizieren. Doch, irgendwie, mit Händen und Füßen geht es. Alle Nomaden hier leben von der Viehzucht. Vor allem von der Pferdezucht. Darin gelten sie als die Besten der Mongolei.
Aus der Geschichte heraus sind die Mongolen, Nomaden, Viehzüchter und -halter Fleischesser und Milchtrinker.
In der Regel dauert der Sommer etwa drei Monate: Juni, Juli, August. Welches Obst, welches Gemüse kann in der kurzen Zeit reifen? Im Norden wächst Getreide heran und hier im Westen um Hovd herum gedeihen Melonen, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln. Nur, das reicht nicht für dieses große Land. In Ulaanbaatar gibt es kaum einheimisches Gemüse. Es wird alles aus China importiert: Nestle Instantkaffee, Edeka beste Marke, Nivea, Haribo macht Kinder froh, Weingummis und Chips à la deutscher Marke sind oft auch in abgelegenen Gegenden zu finden, ebenso wie Gläser saurer Gurken und Nutella. Lecker. Brot? 1. Selten 2. Die Qualität … na ja. Beim Kauf von vier Broten, wir hatten sie gebraucht, mussten wir kurz darauf zwei verschimmelte über Bord werfen. Die Nomaden brauchen dieses Brot nicht. Sie stellen ihr gesamtes Essen selber her. Backen Fladenbrot, verschiedene Arten von Keksen, Kochen aus den Beeren, die sie sammeln, Marmelade. Aus der Milch der Kühe, der Dri (weibliche Yaks), der Stuten und der Kamele wird Joghurt, eine Art Buttercreme, mongolischer Käse in unterschiedlichen Trockenstufen und auch Alkohol hergestellt. Das Fleisch von allen Tieren, auch mit den Innereien, wird in jeder Form gegessen. Mit und ohne mongolische Nudeln, Kartoffeln und Möhren.
Und ich? Nun ja, da ich mit meinen beiden mongolischen Kerlen und Zelt unterwegs war ging es. Wir hatten eingekauft, unser Bestand an Reis, Nudeln, Ketchup, Tomaten und Paprikapaste, Möhren und Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch war enorm und unterwegs war ich beim Einkaufen immer dabei und habe in dem oft doch sehr bescheidenen Angebot mit ausgesucht. Also: ich bin nicht verhungert!
Jedoch sehr dünn wieder nach Hause gekommen. (Lach). Es war eine recht gewichtsreduzierende Reise.
29. Juli – Ich hatte eine gute Nacht in einem Ger unten am tosenden Milchfluss. Super, ich konnte aufrecht stehen, mich im gletscherkaltem Milchflusswasser waschen und eincremen. Wir wandern heute. Das freut mich. Hoch hinaus wird es gehen, 3600 m hoch bis über das Eis- und Schneefeld aus dem das Wasser des Gebirgsbaches entspringt, der durch zwei Bergseen fließt, um sich dann in den Milchfluss
zu ergießen. Zuerst ist es trocken dann prasselt ein heftiger Regenguss auf uns herab. Nach dem Regen der Sonnenschein, der uns ab jetzt begleitet. Am ersten türkisfarbenem See weiden Yaks. Ab dem zweiten türkisfarbenen Bergsee verändert sich die Blumenwelt: wilde Zwiebeln, kleine Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht und
lila strahlende Dolden, die ich nicht kenne.
Am Gletschertor können wir nicht nach links queren. Wir müssen oben rüber, über den steilen Hang mit dem losen, schwarzen Geröll. Nicht gerade ungefährlich. Doch machbar. Da wir nicht völlig den gleichen Weg runter gehen wollen, gehen wir auf der anderen Seite des zweiten Sees. Auweia. Der See ist sehr tief. Und einen Weg gibt es nicht. Wir balancieren über die Steine und schaffen es. Überraschung! Unser horseman, sein Name ist
Hinzu, holt uns ab. Er kommt durch den Gebirgsbach geritten, erst trägt er Onon vor sich auf dem Sattel rüber, dann mich. Was für ein Spaß! Und wir sparen einige Meter.
30. Juli – Heute wird geritten. Ich freue mich. Die Pferde sind klasse. Hallelula! Ich soll alleine reiten. Ich habe doch überhaupt keine Ahnung von den Hilfen, die ich einem mongolischen Pferd geben soll. Und meine Reiterkarriere im Dressur- und Springsport ist echt lange her. Ich kriege eine Gerte in die rechte Hand, um meine Stute vorwärts zu bewegen. So richtig gefällt mir das nicht. Ich brauche sie jedoch, denn meine Stute ist recht ruhig. OK. Im Schweiße meines Angesichtes und dem Rest meines Körpers schaffen wir beide es dann doch hoch auf 3700 m.
Die Aussicht ist bombastisch. Wir können bis hoch zum Hohen Altai mit seinen Gletschern sehen. Hinzu schaut mit seinem Fernglas nach seiner Stutenherde. Zehn an der Zahl grasen im benachbarten Tal. Er züchtet auch Rennpferde mit großem Erfolg.
Das mongolische Pferd
Gesund, schönes Fell, toller Schweif, dichte Mähne. Kein Wunder. Sie leben ja auch immer draußen und haben gute Kräuter zu fressen. Und fressen all das, was sie finden. Sie benötigen kein Zusatzfutter. Nur die Rennpferde. Die bekommen ein bestimmtes Kraftfutter. Das Pferd spielte nicht nur zurzeit Dschingis Khan (ursprünglich Temüdschin oder Temüüdschin, Regierungszeit als erster Khagan der Mongolen von 1206 bis 1227) mit seinen Reiterhorden eine große Rolle, nein, das ist auch heute noch so. Das Pferd ist hier ein Transport- und Fortbewegungsmittel, ein Fleisch- und Milchlieferant, dient natürlich der Zucht und als Rennpferd bei den Pferderennen. Die erfolgreichen Pferde erzielen Traumpreise! Was für den Züchter einen großen Reichtum bedeutet. Die Zucht und das Training der Pferde sind eine große Wissenschaft, deren Erfahrung sich sie Nomaden seit vielen Jahrhunderten bewahrt haben. Das längste und härteste Pferderennen der Welt ist das Mongol Derby. Und auf dieser Route geht es 1000 km auf dem Pferderücken durch die Mongolische Steppe.
Noch ein Erfolg! Hier oben haben wir Netz und auch ich kann mit Onons hotspot ein paar Nachrichten und Bilder nach Hause schicken.
Für den Nachmittag steht eine Fahrt zu einem Wasserfall auf dem Plan, um darunter zu duschen. Und es soll ein Murmeltier geschossen werden. Bääh!
Das gefällt mir gar nicht.
Murmeltiere
gelten hier als Delikatesse.
Nach der Jagd freuen sich meine drei Männer wie sonst was.
Männer! Jäger! Jagdtrieb!
Sie fühlen sich großartig. Tja, ich bin im Land der Nomaden, der Jäger.
Der Wasserfall ist wirklich schön. In zwei Schluchten rauscht das Wasser herunter und ergießt sich rollend in den tosenden Milchfluss. Wir starten mit der mongolischen Dusche. KAAAALT! Doch lustig, lachen und am Ende, sauber bis kristallklar.
Nach der Jagd und dem Waschen gibt es eine Zeremonie des Dankes. Wodka wird in eine Trinkschale gegossen, die dann reihum gereicht wird. Der Daumen und der Ringfinger kommen zusammen. Der Ringfinger wird in den Wodka eingetaucht und dieser wird dann in die Luft geschnipst. 3mal. Dankbarkeit, für die Natur, das Glück, das Leben.
An Hinzus Ger wird das Murmeltier für das Abendessen vorbereite, auf das sich alle freuen. Ausgeweidet, mit Zwiebeln und Knoblauch gefüllt und zugenäht. Auf einem Spieß wird der Braten über dem offenen Feuer gedreht. Ich gehe in mein Ger nach unten am Fluss und erinnere mich dabei an meine Kindheit bei meinem Großvater. Beim Schlachten der Hühner und der Kaninchen war ich immer dabei. Heute mag ich das nicht mehr.
31. Juli – Der Fluss strömt, der Regen strömt. 6 Uhr, regenverhangen. Ich ziehe mir meine Regenkleidung an, wir wollen heute einen Tagesausflug zu einer „offenen Galerie unter dem freien Himmel“ machen. Das ist ein großer, alter, schwarzer Stein, eine Petroglyphe aus der Bronzezeit, den die Wissenschaftler der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt haben. Nach dem Pancake Frühstück und den geschmierten Broten soll´s losgehen und doch mal wieder nicht ... Der Motor streikt. Der Diesel war nicht gut. Das ist kein Witz! Also wieder, Motorklappe auf. Es wird gefeilt und gewerkelt. Der Diesel riecht auch doof. Die Maschine ist wie verölt. Ein Nachbar kommt und bringt Ersatzteile aus dem hier liegengebliebenen Transporter. Es wird alles verwertet und es wird auch hier von allen geholfen.
Es geht los. Hinzu bringt wieder sein Gewehr mit ins Auto. Neee, ich streike. In meinem Beisein wird nicht geschossen. Ich kenne die Historie des Fleischessens und respektiere diese Essgewohnheit. Es ist meine Reise und ich hatte kein Jagen gebucht. Verständnis ist da, auch wenn Hinzu immer wieder seine Späßchen darüber mit mir macht, er respektiert meinen Wunsch. Es wird eine abenteuerliche Fahrt. Durch Wasser, steil bergauf, mit stehen bleiben und Motor abkühlen lassen. Der Regen ist lange vorbei und es wird wärmer und wärmer. Wir erreichen den großen Stein mit den prähistorischen Zeichnungen.
Ich bin ja so etwas von begeistert! So schöne Zeichnungen von Pferden, Reitern, Jägern, Hirschen, Steinböcken, Ziegen, auch von Tierherden und Schneeleoparden. Ich bin hin und weg! Die Jäger jagen mit Pfeil und Bogen. Und hinter sich auf dem Rücken ihres Pferdes liegen Steine für eine Schleuder. Hinzu legt sich bäuchlings auf den Stein und ehrt seine Ahnen.
Der Bus fährt, wir gehen zu Fuß, Onon und ich wollen noch mehr Felszeichnungen entdecken.
Zuerst führt uns unser Weg hoch zu einem Obo, einem buddhistischen Steinhaufen, der wunderschön mit blauen Bändern geschmückt ist. Ich gehe 3x im Uhrzeigersinn um ihn herum und singe das Mantra des Mitgefühls „Om mani padme hum“. Der Altar ist geschmückt mit kleinen und größeren Schalen, Wodkaflaschen und Bonbons. Weiter geht’s. Es ist heiß geworden. Onon und ich laufen durch das Tal auf der Suche nach weiteren Zeichnungen.
Wir finden Zeichnungen an verschiedenen Stellen. Immer sind die Felsen glatt und die Darstellungen zeigen in Richtung Tal. Die Zeichnungen haben in meiner Fantasie als Wegweiser für alle Durchreisenden gedient. Sie zeigen an, wo es welches Wild gibt. Und wunderschöne Pferdezeichnungen, die zeigen, dass diese Tiere schon zur Bronzezeit – 3300 – 1200 v. Chr. – wichtig waren.
Die eigene Wodkaherstellung.
Hinzu winkt mich herein und zeigt mir gemeinsam mit seiner Frau die Wodkaherstellung aus der Yakmilch.
Nach dem Brauen wir ein Teil des Wodkas als Dank geopfert. An die Luft und an das Feuer. Und wir trinken den heißen Wodka, den Hinzu mit etwas Yakbutter veredelt.
Altai
Aus der mongolischen Sprache übersetzt bedeutet das Wort Altai „goldene Berge“.
Dieser Gebirgszug erstreckt sich über 2100 km und zieht sich durch Russland,
die Mongolei, Kasachstan und China. Der Belucha erhebt sich auf 4506 m im russischen Altai und ist der höchste Gipfel dieser Bergkette. Der mongolische
Altai wird von den Mongolen auch der Ektag Altai genannt, fällt nach Norden
und Osten in das mongolische Hochland ab und geht im Südosten
in den Gobi-Altai danach in die Wüste Gobi über.
Der Name Altai Tavan Bogd bedeutet „Heilige Fünf Gipfel“.
Der Anblick dieser schnee- und eisbedeckte Gipfel ist atemberaubend.
Die Gletscher schlängeln sich wie weiße Seidenschals um die Gipfel.
Kein Auto, kein Mopped, kein Strom, fast keine Menschen.
Hinter mir Russland, rechts geht’s nach Kasachstan und schräg rüber ins Tal
nach China. Über mir nachts beim Pipi machen der blinkende Sternenhimmel und um mich herum die klare kalte Luft und die Stille. Stille.
Einfach nur Stille.
1. August – Heute werden die Pferde gepackt, es geht bei tollem Wetter hoch auf die letzte mögliche Station im hohen Altai. Dort möchte ich einige Tage bleiben und wandern und reiten. Wir haben alles von Zelt, Schlafsäcken, Lebensmittel, Gaskocher, Zahnbürste mitzunehmen. Kleidung, die haben wir an ... viel mehr kann nicht mit. (Lach). Onon nimmt meine Stute an die lange Leine. Zum Glück. Alleine wäre ich nicht weit gekommen. Ansonsten klappt das mit dem Reiten gut. Meistens reiten wir Schritt, hin und wieder traben wir. Wir treffen eine andere Gruppe. Es sind mongolische Touristen die Kamele als Lasttiere mit sich führen. In der Runde gibt es nicht nur Saft und Äpfel. Das Lieblingsgetränk der Wodka macht seine Runde. Ein voller Becher geht von Mund zu Mund. Auch zu meinem! Da ich hier wie auch in anderen Runden mittrinke, also die Etikette wahre, werde ich respektiert. Unser horseman spielt sehr gerne Karten mit den Kasachen.
Wir reiten hoch zu einem Aussichtsberg. Potz Blitz! Da sind doch tatsächlich einige Autos! Mongolische Touristen die für ein paar Fotos mit und ohne den Adler gekommen sind.
Wir entfleuchen dem Trubel und suchen uns einen einsamen Lagerplatz. Ich möchte gleich zum Gletscher runter gehen.
Na da habe ich mich mit der Wegstrecke aber vertan. Ich gehe zurück. Die Wolken haben sich aufgebauscht. Onon hat in unserer outdoorküche in der Zwischenzeit eine Suppe gekocht. Wie toll, sie ist heiß und lecker. Es wird immer kälter, jetzt regnet es wirklich. Jeder verzieht sich schnell in sein Zelt und mummelt sich ein. 3:30 Uhr, Pipi, nach dem Regen ist jetzt alles gefroren.
2. August – 6 Uhr, raus aus dem Zelt. Es wird ein herrlicher Tag. Wir reiten nach dem Draußen-Frühstück hoch auf 3400 m. Heute nimmt mich Hinzu an die lange Leine. Das spürt mein Pferdchen! Es geht heute sehr viel schneller. Und Hinzu trabt viel. Aua Popo.
Der Rundumblick ist atemberaubend. Wir können weit in den russischen Altai schauen. Hinzu erklärt uns von hier oben den Weg hoch auf den Malchin, den Onon und ich den nächsten Tag besteigen wollen. Denn von unten ist der Weg kaum zu erkennen. Und es gibt nur diese eine Möglichkeit hoch und wieder runter zu kommen.
Zum Üben für Morgen gehen wir zwei nach dem Ritt noch hoch und runter über die Gletschermoränen. Sehr anstrengend. Es sind alles lose aufeinanderliegende Steine, Steinbrocken, kleiner, größer. Wir kommen ganz schön ins Rutschen. Ausgepowert kommen wir an unseren Zelten an und legen uns nur noch ab. Die Tour hatte es in sich und wir hatten wohl zu spät unsere Sonnenhüte aufgesetzt! Murks, wir haben einen Sonnenstich.
3. August – Es geht los, mir geht es gut. Wetter prima, Sonne, Wolken, es wird nicht so heiß wie gestern. Ich schmiere unsere letzten Brote mit Paprikacreme und einen Apfel haben wir auch noch. Jippi! Ein paar Teebeutel gibt’s auch noch. Also Essen, außer Reis, haben wir zu wenig mitgenommen. Gürtel, noch, etwas enger schnallen. Unser lieber horseman will für später Essen besorgen.
So wie gestern besprochen, reiten wir von unserem Lager aus bis zum Malchin. Für mich wäre der ganze Weg ab Lager und Malchin hoch und runter und zurück zu weit. Der Berg sieht nahe aus und einfach zu besteigen. Was beides nicht zutrifft. Wie ein loser dahin gekippter Steinhaufen sieht der Berg aus. An der Nordseite zur Grenze nach Russland zieht sich das Schneefeld und der Gletscher nach oben. Hinzu bringt uns noch ein Stück den Berg hinauf, da wo das grüne Gras die Pferde lockt. Onon und ich, wir machen uns an den Aufstieg. Sind auch erst einmal, weil früh dran, alleine. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – oder die Schnecke? Ich bin jedenfalls die Schnecke aus Deutschland, die sich hier den 4050 m hohen Malchin hochschleicht. Es ist anstrengend und auch gefährlich durch und über das Geröll und durch den Sand und den Kies zu stapfen. Die Luft wird mit jedem Meter dünner und die Kombi mit der Diagnose Asthma und Long Covid ist wenig lustig. Die Schnecke hat ihr tun. Egal. Wichtig ist, dass ich meinen Weg gehe und den mit voller Aufmerksamkeit und Bedacht. Und nicht meinem Guide Onon nacheifere. Der 27 Jahre alt ist, auf einer Höhe von über 2000 m wohnt und ständig wandert oder auf einem seiner sechs Pferde reitet. Wenn ich hoch schaue sehe ich ein Ende und meine, den Gipfel fast erreicht zu haben. Pustekuchen. Dahinter geht es immer noch mal weiter. Nach unserer Brotpause geht es mit frischem Elan weiter.
An einem kleinen grünschimmernden Gletschersee vorbei, erreichen wir um 13:20 Uhr den Gipfel. Unglaublich. Dieser Rundumblick. Der Berg mit dem Schnee hinter uns gehört zu Russland. In der Ferne sehen wir die Berge des russischen Altais. Etwas weiter nach rechts in unserem Blickfeld geht es nach Kasachstan. Weiter in unser Blickfeld kommt der völlig mit Schnee bedeckte Berg „Friendship, Freundschaftsberg“. Dieser Berg liegt zwischen allen Grenzen und gehört zur Mongolei. Weiter nach links sehen wir am Ende eines schneereichen Tales den Berg, der China bedeutet. Noch weiter links erhebt sich der höchste Berg des mongolischen Altais der Chüiten (Khuiten) mit seinem immer eisbedecktem 4374 m hohen Gipfel.
Wir treffen auf dem Malchin Gipfel auf vier Personen aus Israel und nach uns kommt ein mongolischer Guide mit seinem Gast aus Singapur. So werden die Kameras und die Handys für unvergessliche Fotos herumgereicht. Um 14:10 Uhr starten wir mit dem Abstieg, bei dem ich nach etwa der Hälfte stürze. Rücklings zwischen zwei Felsen. Aua Popo und rechte Arm. Ich sitze echt fest! Nur mit der Armzugkraft des mongolischen Guides komme ich wieder heraus und weiter geht’s. Um 14:50 Uhr sind wir bei den Pferden und ich lasse mich ins Gras sinken. Unser horseman beglückwünscht mich, den steilsten Berg der Mongolei bestiegen zu haben. Smile! Danke für das Kompliment. Ob ich das glauben soll? Im Angesicht dieser Schneeberge? HUNGER!! Zurück auf dem Rücken der Pferde zum Suppentopf des Campes, zu dem wir heute eingeladen sind. Danke! Wir brauchen in unserem noch 2 km weiter entferntem Zeltlager nicht zu kochen. Heiße Suppe mit Gemüse, Nudeln und Lammfleisch. Selbst das esse ich heute (grins) und trinke den Wodka dazu. Ich bin sehr dankbar für alle Geschenke. Es war ein wundervoller Tag.
4. August – Planänderung. Heute auf einen weiteren Berg zu klettern ist zu gefährlich. In der Nacht hat der Wind heftig aufgefrischt und es regnete. Wir frühstücken und relaxen. Die Sonne kommt heraus, wir genießen die Wärme. Gepackt ist schnell, jetzt haben wir ein Transportkamel und reiten zurück zum großen Camp. Hinzu hat für uns zum zweiten Mal ein Mittagessen organisiert, welches wir bei guten Gesprächen in Mongolisch, Kasachisch und Englisch mit Bergsteiger aus England, den kasachischen Bergführern und den Köchinnen genießen. Wir starten gut versorgt zu meinen längsten -18 km - Ritt in den letzten 45 Jahren!
5. August – Mein letzter Tag hier oben bei der horseman Familie. Den nutze ich für eine Wanderung. Ich starte mit Onon auf meiner Seite des Gers. Es ist hier einfacher für mich zu gehen. Natürlich wieder im Schneckentempo. Der Wind wird voll fett stark. Er schiebt uns fast nach oben. Und der Regen prasselt auf uns herab. Egal. Ich möchte laufen. Onon, er möchte gerne Jason genannt werden, friert. Er hat keine warme Jacke dabei. Wir verabschieden uns. Er läuft hoch und dann zurück zum Ger. Ich erreiche ein erstes Plateau, ein Zweites, ein Drittes mit wunderbaren Felsformationen auf die ich klettere, um die Aussicht zu genießen. Wer sagst denn, die Sonne kommt raus und trocknet meine nasse Hose und wärmt mich.
Zurück in der Jurte wundere ich mich, dass bis auf Jason und die Hausfrau ist niemand da. Der Plan war: heute Abend zu packen, um am Morgen sehr früh abzureisen. Der Weg soll laut Gonzo weit sein.
Die Kinder und die Enkelkinder des horsmans waren gekommen. Gonzo hat sie alle hoch in die Berge zu Verwandten gefahren. Und wann kommen sie zurück?
6. August – Überraschung! Die Herren der Schöpfung schlafen noch. Im Zelt? Das ist leer. Sie schlafen beide im Bus. Puh! Was für ein Gestank. Gonzo hatte zu viel gebechert und das kam ihm dann des Nachtens hoch im Zelt.
Mir reichts! Ich kann auch laut werden. Ich wecke die beiden. Onon hatte nicht getrunken. Nur aus dem Umstand heraus war er jetzt müde und sprang fix aus dem Bus. Gonzo kam gar nicht klar. Doch klare Worte gab´s dann von mir. Und eiskaltes Gletscherwasser aus Hinzus Eimer über den Schädel und den Oberkörper geschüttet. Das zeigte dann Wirkung.
Auf geht’s, mit einer über dreistündigen Verspätung. Zurück durch´s Milchflusstal in die Hovdriver Region zu den Sergal hills. Auf dem Weg dorthin nehmen wir eine Kasachin mit, die schwer an ihrem Gepäck und einem großen Akku Rasentrimmer trägt. Lustig! Die Verständigung ist wieder ein Kuddelmuddel. Kasachen sprechen und verstehen kein Mongolisch und andersherum ist es genauso.
In der Ebene sehen wir eine mobile Tankstelle, einige Hirschsteine (Kiirgans, Grabhügel), Balbals (türkische Steinfiguren) und muslimische Friedhöfe. Für die Nacht finden wir einen wundervollen Übernachtungsplatz unter Bäumen.
7. August – Die Landschaft zieht uns an. Die Nadelgehölze duften, die Sonne scheint, Jason und ich wollen zu einem Wasserfall wandern. Wir gehen viel durch den Wald, stetig bergauf, die Sonne steigt hoch, wir schwitzen. An diesem Fleckchen Erde gibt es alles: Wiesen, Wald, kahle Felsen, Schneespitzen, einen Fluss und Seen. Diese Berge sind etwas lieblicher als das Altai Hochgebirge. Obwohl es hier auch sehr hohe schnee- und eisbedeckte Berge gibt. Dahinter liegt China. Und gefährlich kann es hier auch sein, denn es leben wilde Tiere in den Wäldern.
Auf einem Plateau mit einem herrlichen Blick auf einen Schneeberg habe ich Lust ein kleines Yogavideo zu drehen; das machen wir dann auch!
Der Wasserfall ist beeindruckend und die Luft ist hier etwas frischer und kühler. Denn die Hitze hat sehr zugenommen.
Unser Wasser ist alle. Wir suchen uns den Weg zurück möglichst unter den Bäumen. Nach fünf Stunden und 30 Minuten sind wir ziemlich erledigt zurück und fallen nach dem Mittagessen in unsere Zelte.
Den Abend lassen wir am Lagerfeuer ausklingen mit Gesang und Gitarrenspiel.
Ohhh, was für eine Nacht,
ohhh mein Rücken.
Der Erdboden unter meinem Zelt wird immer härter und steiniger.
8. August – Wir brechen früh auf, wir wollen hoch auf den Berg zu unserer linken Hand. Die Sonne brennt schon um 8:30 Uhr. Wir kennen den Weg nicht. Onon war ja auch noch nie hier. So suchen wir eine Brücke. Der Fluss trennt uns von unserm Berg. Da es keine Brücke gibt, entscheiden wir uns weiter in das Tal hineinzugehen, was uns sehr gut gefällt. Ach blöd, der Weg endet in einem undurchdringlichen Matsche-Wasser-Pampe-Gestrüpp. Es bleibt nur der Weg zurück. Wir werden auf dem Rückweg von kasachischen Nomaden eingeladen.
Wie bei allen Nomaden steht auf dem flachen Tisch die Yakcreme, selbstgekochte Marmelade und die selbstgebackenen Gebäckstreifen. Und wie überall gibt es den Milch Tee. Normalerweise trinke ich keinen Milch Tee, mein Bauch verträgt nicht so viel Milch. Uns wird ein hohes Maß an Gastfreundschaft entgegengebracht. Ich nehme sie an und trinke hier diesen Tee. Die Tochter der Jurte stellt gerade die Nudeln her. Sie kann sich etwas mit Onon in der mongolischen Sprache verständigen. Sie arbeitet das Jahr über in einer kleinen Stadt als Zeichenlehrerin und vermittelt so die
kasachische Maltradition in der Erwachsenenweiterbildung. In den Sommerferien, die hier zwei Monate lang sind, ist sie hier bei ihren Eltern und ihren Kindern. So gibt es nun auch das mongolisch/kasachische traditionelle Essen die
selbstgemachten Nudeln mit kleinen Lammfleischstückchen. Auch hier steht ein großer vollgefüllter Teller auf dem Tisch und jeder bedient sich mit der Hand oder einem Löffel. Und ich weiche von meinen Prinzipien ab, fleischlos zu essen. Fragen über Fragen prasseln über mich herein und Onon versucht alles gut zu übersetzen. Das Ger ist sehr groß, sauber und schön dekoriert mit Tüchern der kasachischen Art. Außerdem mit zwei Wolfspelzen, Fuchsfellen und anderen Pelzen. Die Männer der Familie sind die zwei Monate der Sommerferien weg. Sie mähen das Gras, machen Heu für die lange Winterzeit. Im Winter 2023 fiel der erste Schnee Ende August.
10. August – Zum Adlerjäger, ja, nein? Ich hatte mir mehr Zeit im Altai Hochgebirge und im Hovd river Gebiet erbeten. So organisieren wir meine verbleibende Zeit neu. Keine zwei, sondern nur einen Tag und eine Nacht beim Adlerjäger. Der Rückweg ist noch lang. Ein letzter Großeinkauf und
Geschenke für die Adlerjägerfamilie.
Der Adlerjäger
Wir werden von dem Hausherren, seiner Frau, den beiden Töchtern und dem Baby auf das Herzlichste empfangen. Wie immer an einem reich gedeckten Tisch. Ich darf alle meine Fragen stellen. Der Adler wird zur Jagd auf Füchse abgerichtet. Es ist immer ein Weibchen. Die sind größer und jagen besser als die Männchen. Der Adler wird etwa mit sieben Monaten aus dem Nest geholt, wenn er flügge geworden ist und bleibt bis er etwa vier Jahre alt ist. Manchmal auch bis sieben Jahre. Das kommt auf das Tier an. Dann wird die Adlerin frei gelassen. Nach vier Jahren beginnen die Weibchen mit dem Eier legen. Unser Hausherr ist sehr bekannt und hat schon viele Preise gewonnen im Pferderennen und der Adlerjagd. Die Adlerjagd ist eine Fähigkeit, die vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Mittlerweile gibt es auch Mädchen die das Jagen mit dem Adler erlernen. Wer wird es in dieser Familie lernen? Das weiß ich nicht.
Die jüngste Tochter zieht mit ihren Sachen um und überlässt mir ihr Ger zum Schlafen. Mein Bett hat die Matratze einer Hängematte. Nach der Härte des Waldbodens nun das Gegenteil. Die ältere Schwester kocht noch neben meinem Bett für Neuankömmlinge. Gerüche von Milch, Fleisch und Kartoffeln schweben zu mir herüber. Ja, dieser Urlaub ist besonders!
11. August – Nach einer liebevollen Verabschiedung bei der mir die Hausfrau ein kasachisches Kopftuch und ihren speziellen getrockneten Käse schenkt, geht es weiter über Stock und Stein durch die Altan Tsogts Region. Auf zu einer Letzen Wanderung auf 3600 m. Der Wind weht eisig um unsere Nasen. Heute schaffe ich die Höhe nicht. Mein Herz klopft mir zu schnell. Auf 2800 m ist für heute Schluss. Aussicht genießen und wieder runter zu Gonzo, dem Bus, dem heißen Tee und dem Gast, der da neben Gonzo im Gras sitzt. Es ist ein Reservats Verwalter, er verkauft die Eintrittskarten für den Park. Nach dem gemeinsamen Tee, den Keksen und dem Gespräch unter Männern geht unsere Fahr weiter durch das Khovd Gebiet. Eine Regenwand rollt auf uns zu und der Wind ist noch stärker. Planänderung. Ab auf die Asphaltstraße, Kette geben, nach Khovd, die Provinzhauptstadt, geschlafen wird im Hotel, die boys besuchen Freunde. Prima, ich bin voll einverstanden.
12. August – Auf dem Markt wird groß eingekauft. In dieser Region gedeihen Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und Melonen jeder Art. Hier sind die Sachen frisch und lecker. In Ulaanbaatar ist alles importiert aus China. So wird ganz groß für zu Hause eingekauft. Gonzo braucht noch irgendein Teil für den Motor. Ich frage nicht nach. Er ist nicht nur ein super Fahrer, sondern auch ein guter Mechaniker. Es geht ja nun nach Hause. Da wollen die zwei wieder gut aussehen. Unterwegs ist das auf der Strecke geblieben. Also ab zum Friseur.
Alles erledigt, ohne Motorersatzteil fahren wir weiter Unser Ziel ist die Gurban senferiin agui, eine Uralhöhle mit Tierzeichnungen, die in einem staubigen Seitental weg von der Hauptstraße liegt. Der Weg hoch ist sehr steil, in der Höhle ist es absolut dunkel. Wo sind die Höhlenzeichnungen? Nicht wie bei uns wunderbar ausgeleuchtet, die Wege nach unten gesichert ... hier kraxelt jeder für sich selber rum. Gonzo hilft mir mit seiner Handylampe und so finden wir das Känguru? Das Kamel, das Rind. Hurry up! Wir sind auf der Rückreise. Auf der Fahrt durch das Tal zurück zur Hauptstraße sehe ich weitere wunderschön bemalte Felsen, da will ich unbedingt noch für ein paar Fotos hin. In dieses Tal möchte ich noch mal. Diese Malereien flashen mich. Und am Talausgang stehen Hirschsteine.
13. August – Heute 400 km Asphalt. Langweilig. Nach drei Stunden Fahrt verlassen wir die Hovd Provinz die Straße geht über in das Gobi Altai. Hier machen wir Rast an einer Poststation. Diese Post-Reiter-Stationen hat Dschingis Khan ins Leben gerufen. Diese Stationen waren immer erhöht.
So konnten die Angestellten sehen, das ein Reiter kommt. Und diesem
Kurier wurde dann sofort ein frisches Pferd zur Verfügung gestellt.
Der Reiter springt um und ab geht die Post.
16. August – Ich begleite Undral in eine
Ger Fabrik. Sie beaufsichtigt die Produktion für eine Kanadische Firma. Das ist für mich sehr interessant. Ich habe in sehr vielen Gers geschlafen. Und kenne den Aufbau. Doch nun darf ich die Herstellung erleben - alles wird von Hand gemacht. Das Holz für die Gers muss leicht sein. Deshalb wird
Pinienholz verarbeitet. Alles wird verziert.
Die Pfosten im Ger heißen Vater und Mutter, das Dachrad, die Tür, der Türrahmen. Die Abdeckungen sind Schafsfilzbahnen, die von zwei Jungen für das Dach fach- und größengerecht zusammengenäht werden.
Gergrößen gibt es zwischen 6 bis 12 m Durchmesser.
17. August – Das Abenteuer Mongolei ist zu Ende, es beginnt das Abenteuer Flug. Ich komme gut zu Hause an.
Die Alternative zu Socken,
beobachtet im Altai.
In alten Filmen zum Beispiel in Western oder Kriegsdokumentarfilmen können wir es sehen, wie sich die Männer die Fußlappen um die Füße wickeln und damit in die Stiefel steigen. Und in echt, hier oben im Altai, praktizieren die horsemen das auch. Nix Socken, sondern Fußlappen.
Ideen muss man haben
Zahnbürste, Zahnpasta, auch in der kleinsten Hütte – im Ger. Zahnseide? Klar. Die Ecke einer festen Plastiktüte, zum Beispiel von Haribo (macht Kinder froh) oder den chinesischen Gummitierchen.
Was mögen die Mongolen an ihrem Land?
Die Weite, die Freiheit Offroad zu fahren, überall campen zu dürfen, zu fischen, Feuer zu machen ohne Verbote.
Den Himmel in Blau und des Nachts wie schwarzen Samt sternenübersät und überhaupt das Licht.
Ich durfte an allem teilhaben und sage Danke. An alle, die mir bei dieses Abenteuer geholfen haben.
Frei wie die Nomaden
Sind die Nomaden frei? Wirklich?
Auch sie sind ans Wetter gebunden und an die Futterstellen der Tiere. So ziehen sie im Sommer höher hinauf zu den Wiesen und kommen im Winter zurück in die Täler oder auch in die Nähe kleiner Städte. Schulpflichtige Kinder haben auch zur Schule zu gehen. Egal wie weit die Schule entfernt ist. Die Kühe und Yaks, ebenso die Milchziegen und wenn Stuten vorhanden sind müssen auch diese gemolken werden. OK. Müssen nicht.
Nur, wenn sie sich nicht um die Tiere kümmern, leiden diese. Die Milch wird verarbeitet zu Airag Stutenmilch, Milchtee, Buttercreme, Joghurt, Käse und manchmal auch zu Wodka. Sind Nomaden frei? Im Sinne von, sie können hinwandern wohin sie wollen. Die mongolische Regierung erlaubt jedem Nomaden sein Ger dort aufzustellen, wo er bleiben möchte. Ohne so etwas wie Miete zu verlangen. Und doch: sind sie frei? Frei wie der Vogel, vogelfrei – ein Begriff aus der Mittelalterzeit. Mit einem Vogelfreien einem Gesetzlosen konnte jeder machen, was er wollte. Freiheit. Was bedeutet es für dich? Mich?
Für mich ist Freiheit ein inneres Gefühl.
Mich selber frei zu fühlen, mir selber keine Fesseln anzulegen. Also: die Freiheit der Entscheidung zu genießen. Oder: Freisein mit seinen Entscheidungen.
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